Politische Ethnologie

Wie sind Horde, Stamm, Häuptlingstum und früher Staat organisiert?

03.01.2008 Gerit Gönitzer

Ethnologen erklären, wie das Zusammenleben in egalitären Gesellschaften funktionierte, und wie die ersten sozialen Schichten entstanden.

Die politische Ethnologie hat sich erst spät als eigener Zweig innerhalb der Ethnologie etabliert. Lange Zeit wurde lediglich differenziert zwischen Gesellschaften mit formaler Regierung und solchen, die das Zusammenleben ohne zentralisierten Staat meisterten. Der Grundkonsens lautete: In Europa bestimmt der Staat die Politik, in den „staatenlosen Gesellschaften“ regeln die Beziehungen zwischen Verwandten das Miteinander. Demzufolge analysierten Ethnologen noch in den 1980er Jahre politische Systeme lediglich, wenn sie die Verwandtschaft, die Wirtschaft oder die Religion ergründen wollten.

Für die meisten Ethnologen bzw. Anthropologen – die Begriffe werden im deutschsprachigen Raum synonym verwendet - ist die Basis der Unterteilung der einzelnen politischen Systeme eine evolutionistische. Die evolutionistischen Grundüberlegungen sind zwar umstritten, jedoch leicht nachvollziehbar: Über die Jahrhunderte wurden die politischen Systeme immer komplexer, und je vielschichtiger sie wurden, desto bedeutungsloser wurde die Verwandtschaft als strukturierendes Element.

Horde – Stamm – Häuptlingstum - Staat

Die gängigste Klassifizierung der politischen Anthropologen lautet: Zuerst lebten Menschen in egalitären Gesellschaften wie Horde und Stamm, dann entwickelte sich das Häuptlingstum und schließlich der Staat.

Die Horde („band“)

Eine Horde ist eine kleine genügsame Gruppe, jeder ist mit jedem in irgendeiner Weise verwandt. In dieser Gesellschaftsform ist die Politik weitgehend unbedeutend. Menschen oder Instanzen, die sich mit Politik auseinander setzen müssen, gibt es nicht, diplomatisches Handeln ist nicht notwendig. Die Mitglieder der Horde sind in etwa gleich reich und ernähren sich von dem was Jagd, Fischfang und Sammeln ermöglichen. Alter und Geschlecht bestimmen die Arbeitsteilung. Der Status einer Person ist abhängig von ihrer Position innerhalb der Familie, oder von etwaigen herausragenden Fähigkeiten.

Der Stamm („tribe“)

Eine präzise Definition des „Stammes“ existiert nicht. Das wesentlichste Merkmal eines Stammes ist die Deszendenz: Die einzelnen Untergruppen eines Stammes – etwa Klans oder Lineages – werden durch eine gemeinsame Abstammung zusammen gehalten. Wie die Horde benötigt auch der Stamm keine Führerpersönlichkeit, sollte jemand doch mal die Führung übernehmen müssen – etwa während eines Krieges – dann nur für kurze Zeit. Weitere Merkmale eines Stammes sind die kulturelle Gleichheit der Stamm-Mitglieder, ein signifikanter wirtschaftlicher Überfluss, der Surplus, der direkt getauscht wird. Die Mitglieder eines Stammes bewohnen eine gemeinsames Territorium, sie leben ohne soziale Hierachien.

Das Häuptlingstum („chiefdom“): eine geschichtete Gesellschaft

Im Häuptlingstum herrscht eine zentrale Autorität, der „Chief“. Er ist eine rituell-politische Respektsperson, die geehrt und beschenkt wird. Seine Macht ist jedoch nicht absolut - er kooperiert mit anderen Menschen von hohem Status, etwa die Ältesten einer Verwandtschaftsgruppe. Der Chief gilt als Verbindungsglied von lokalen Gemeinden, es umgeben ihm weder Personen, die seine Autorität offiziell unterstreichen, noch besitzt er militärische Macht. Der wirtschaftliche Überfluss des Häuptlingstums wird nicht mehr direkt getauscht sondern verläuft über eine Zwischeninstanz. Die Arbeitsteilung wird komplexer, die ersten sozialen Schichten formieren sich.

Der frühe Staat („state“)

Manche Wissenschaftler sagen, dass Kriege, Handel und technischer Fortschritt die frühe Staatengründung forcierten. Andere sehen im Anwachsen der Bevölkerung den Hauptgrund für eine hierarchische Organisation der Gesellschaft. Fakt ist, das vor 5.000 bis 6.000 Jahren in Südwest-Asien und Ägypten die ersten Staaten entstanden. In ihnen wurden Städte konstruiert und Gemeinden gegründet, die zu verrichtende Arbeit verlangte nach Spezialisten. Durch die Arbeitsteilung wurden die Unterschiede zwischen den Menschen signifikanter, soziale Schichten manifestierten sich: nicht mehr alle Menschen können alle Ressourcen nutzen. Eine zentralisierte, politische Autorität übernimmt die Führung, sie delegiert Aufgaben, fordert Abgaben und Dienstleistungen, schafft Gesetze. Unterstützt wird der Machthaber von administrativen Fachmännern. Sie werden nicht mehr aus der Verwandtschaft rekrutiert, entscheidend ist ihr Können.

Informationen zum Thema:

Hirschberg, Walter (1999): Wörterbuch der Völkerkunde. Berlin: Reimer (Grundlegend überarbeitete Neuausgabe).

Service, Elman R. (1977): Ursprünge des Staates und der Zivilisation: der Prozess der kulturellen Evolution. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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